Montecassino: Benedikts Gründungsabtei zwischen Untergang und Wiedergeburt
Wer heute die Serpentinen von Cassino hinauffährt, sieht eine strahlend weiße Barockanlage, die aussieht, als stünde sie seit Jahrhunderten unverändert auf ihrem Berg. Tatsächlich ist fast nichts davon älter als wenige Jahrzehnte. Am 15. Februar 1944 legten alliierte Bomber die Abtei Montecassino in Schutt und Asche – es war bereits die vierte Zerstörung in ihrer Geschichte. Und wie nach jeder Katastrophe zuvor kehrten die Mönche zurück und bauten alles wieder auf. Kein anderer Ort verkörpert das Motto des Klosters so eindrucksvoll: succisa virescit – abgeschnitten wächst es nach.
Ein Apollotempel wird zum Kloster
Um das Jahr 529 stieg Benedikt von Nursia auf den Berg oberhalb des antiken Casinum. Er kam nicht als Unbekannter: In Subiaco östlich von Rom hatte er zuvor als Einsiedler in einer Höhle gelebt und mehrere kleine Klöster gegründet, ehe Konflikte mit einem örtlichen Geistlichen ihn zum Weiterziehen bewogen. Auf dem Gipfel des Monte Cassino fand er einen noch immer verehrten Apollotempel vor – ein spätes Relikt römischer Religion auf dem Land. Benedikt ließ den heidnischen Altar zerstören und errichtete an seiner Stelle Oratorien zu Ehren des heiligen Martin und Johannes des Täufers. Was wir über sein Leben wissen, verdanken wir vor allem Papst Gregor dem Großen, der einige Jahrzehnte nach Benedikts Tod dessen Lebensgeschichte in seinen Dialogen festhielt. Die Lage des neuen Klosters war spektakulär und verhängnisvoll zugleich: Der Berg beherrscht das Liri-Tal und damit den natürlichen Korridor zwischen Rom und Süditalien, den Heere, Händler und Pilger seit jeher nutzen. Diese strategische Bedeutung sollte der Abtei immer wieder zum Verhängnis werden.
Die Regel: ora et labora
In Montecassino verfasste Benedikt seine Mönchsregel, jenes Dokument, das zum Grundtext des abendländischen Mönchtums wurde. Das Bemerkenswerte an der Benediktsregel ist ihre Mäßigung. Wo frühere Klosterregeln oft von extremer Askese geprägt waren, schrieb Benedikt – nach eigenen Worten – eine kleine Regel für Anfänger. Gebet, Handarbeit, Lesung, Essen und Schlaf fügen sich darin zu einem Rhythmus, den gewöhnliche Menschen ein Leben lang durchhalten können. Die berühmte Kurzformel ora et labora – bete und arbeite – bringt diese Verbindung von Alltäglichem und Heiligem auf den Punkt. Mit ihren Prinzipien der Beständigkeit, des Gehorsams und des gemeinschaftlichen Lebens unter einem Abt lieferte die Regel dem mittelalterlichen Europa ein erstaunlich dauerhaftes Organisationsmodell. Tausende Klöster auf dem ganzen Kontinent übernahmen sie in den folgenden Jahrhunderten; benediktinische Häuser wurden zu Zentren der Landwirtschaft, der Bildung, der Handschriftenkultur und der Fürsorge für Reisende und Arme. Benedikt starb der Überlieferung nach im Jahr 547 in Montecassino und wurde dort gemeinsam mit seiner Schwester Scholastika bestattet.
Langobarden, Sarazenen, Erdbeben
Die exponierte Lage rächte sich früh. Um 577 plünderten die Langobarden das junge Kloster; die überlebenden Mönche flohen nach Rom und kehrten erst im frühen achten Jahrhundert auf den Berg zurück. Im Jahr 883 brannten sarazenische Angreifer die Abtei nieder und töteten Abt Bertharius, der später als Märtyrer verehrt wurde – erneut Exil, erneut Rückkehr. 1349 schließlich brachte ein schweres Erdbeben die mittelalterlichen Gebäude zum Einsturz. Jedes Mal bauten die Mönche an derselben Stelle wieder auf und schichteten neue Architektur über alte Fundamente. Dieser Kreislauf aus Vernichtung und Erneuerung ist keine Randnotiz der Klostergeschichte, sondern ihr eigentlicher Kern. Kaum eine andere Institution Europas hat über so viele Jahrhunderte eine derart hartnäckige Kontinuität bewiesen – und genau diese lange Perspektive sollte den Mönchen im zwanzigsten Jahrhundert zugutekommen.
Glanzzeit unter Desiderius
Ihren mittelalterlichen Höhepunkt erlebte die Abtei im elften Jahrhundert unter Abt Desiderius, der ab 1058 regierte und später als Viktor III. den Papstthron bestieg. Desiderius ließ die Basilika prachtvoll neu errichten und holte dafür Künstler aus Konstantinopel auf den Berg, die Mosaiken und andere Ausstattung schufen und damit byzantinische Techniken nach Italien zurückbrachten. Für die Basilika ließ er in Konstantinopel bronzene Türen gießen. Unter seiner Leitung blühte das Skriptorium zu einer der bedeutendsten Buchwerkstätten Europas auf; die dort gepflegte beneventanische Schrift bewahrte zahllose Werke der antiken und christlichen Literatur vor dem Vergessen. Schon im achten Jahrhundert hatte der Gelehrte Paulus Diaconus in Montecassino gelebt und dort seine berühmte Geschichte der Langobarden verfasst. Durch solche Gestalten wurde die Abtei zur Brücke zwischen Antike und Mittelalter: Texte römischer Autoren, die sonst wohl verloren gegangen wären, überlebten, weil Mönche auf diesem Berg sie Generation um Generation abschrieben.
Der 15. Februar 1944
Die dunkelste Stunde kam im Zweiten Weltkrieg. Anfang 1944 hatte die Wehrmacht ihre Gustav-Linie in den Bergen um Cassino verankert und blockierte damit den alliierten Vormarsch auf Rom. Der Klosterberg beherrschte das Schlachtfeld, und die alliierten Befehlshaber gelangten zu der – wie sich später herausstellte, irrigen – Überzeugung, deutsche Truppen nutzten die Abtei selbst als Beobachtungsposten und Stützpunkt. Am 15. Februar 1944 warfen alliierte Bomberwellen Hunderte Tonnen Bomben auf das Kloster und verwandelten fünfzehn Jahrhunderte Geschichte an einem einzigen Tag in Trümmer. Unter den Toten waren zahlreiche Zivilisten, die hinter den Mauern Schutz gesucht hatten. Der greise Abt Gregorio Diamare überlebte und führte die Überlebenden den Berg hinab. Die bittere Ironie: Erst nach der Bombardierung besetzten deutsche Fallschirmjäger die Ruinen, die sich als weit bessere Festung erwiesen als die intakten Gebäude je gewesen waren. Ein Trost blieb – im Herbst 1943, noch vor der Schlacht, waren Archiv, Bibliotheksschätze und Kunstwerke der Abtei nach Rom evakuiert worden, sodass die Handschriften die Zerstörung überstanden. Die Schlacht um Montecassino wurde zu einer der längsten und verlustreichsten des Italienfeldzugs. Erst im Mai 1944 nahmen Soldaten des Zweiten Polnischen Korps unter General Anders die Ruinen ein. Der polnische Soldatenfriedhof an den Hängen darunter gehört bis heute zu den bewegendsten Orten des ganzen Tals.
Wie es war, wo es war
Nach dem Krieg standen der italienische Staat und die Mönchsgemeinschaft vor der Wahl: die Ruinen als Mahnmal belassen oder wiederaufbauen. Sie entschieden sich für den Wiederaufbau – nach dem Grundsatz come era, dove era: wie es war, wo es war. Anhand erhaltener Pläne, Fotografien und Fragmente rekonstruierten Architekten und Handwerker die Abtei in ihrer barocken Vorkriegsgestalt auf dem ursprünglichen Grundriss. Die Arbeiten zogen sich über rund zwei Jahrzehnte hin; 1964 weihte Papst Paul VI. die wiedererrichtete Basilika. Bei dieser Gelegenheit erhob er Benedikt zum Schutzpatron Europas und verband damit die wiederhergestellte Abtei ausdrücklich mit der Idee eines Kontinents, der sich aus den Verwüstungen des Krieges neu aufrichtete. Heute ist die Rekonstruktion selbst Teil der Botschaft dieses Ortes: Man wandelt durch Kreuzgänge, die zugleich neu und uralt sind – getreue Kopien auf anderthalb Jahrtausende alten Fundamenten.
Montecassino heute
Montecassino ist kein Museum, sondern ein lebendiges Benediktinerkloster. Eine kurvenreiche Straße führt von der Stadt Cassino – die nach dem Krieg ebenfalls vollständig neu erbaut wurde – hinauf zum Klostertor. Besucher durchschreiten eine Abfolge von Kreuzgängen, die sich den Hang hinaufstaffeln, bis zur großen Freitreppe vor der Basilika, unter deren Hochaltar das Grab Benedikts und Scholastikas liegt. Das Museum zeigt Handschriften, liturgische Geräte und Kunstwerke, die die Jahrhunderte überdauert haben, während die Terrassen einen weiten Blick über das Liri-Tal eröffnen – denselben Blick, der den Berg 1944 so tödlich bedeutsam machte. Im Tal und auf den umliegenden Höhen erzählen die polnischen, britischen, deutschen und italienischen Soldatenfriedhöfe die andere Hälfte der Geschichte. Kaum ein Ort in Europa verdichtet Glaube, Geschichte, Katastrophe und Erneuerung so sehr wie dieser eine Gipfel.
Auf der Karte
Montecassino ist der natürliche Ausgangspunkt jeder Reise durch das benediktinische Europa – aber eben nur ein Knoten in einem Netz, das von Subiaco über Cluny bis in den hohen Norden reicht. Öffnen Sie unsere interaktive Karte, suchen Sie die Abtei über Cassino und folgen Sie von dort den Spuren der Klöster, die aus Benedikts kleiner Regel für Anfänger auf dem ganzen Kontinent hervorgegangen sind.